Perspektiven

Sinnfindung, Sinngebung, Sinnstiftung

Sinnfindung oder Sinngebung?

Die eigene Erwerbstätigkeit als sinnvoll zu erfahren ist ein wichtiges Thema vieler Erwerbstätiger (die nicht-Erwerbstätigen haben ihr Sinn-Problem woanders). Wie findet man eigentlich Sinn im Beruf? Oder geht es darum, einen Beruf zu finden, der es erlaubt, sich selbst Sinn zu geben? Vielleicht ein Henne-oder-Ei-Problem? Auch von Führungskräften wird heute erwartet, ihren MitarbeiterInnen Sinn zu geben; sie stehen vor derselben Frage.

So nicht – oder nicht immer

Gelegentlich liest man, dass berufliche Sinnfindung so abläuft:

[Leidenschaft für die Tätigkeit] => [Erfolg] => [Sinn & berufliche Erfüllung]

Demnach geht es also darum, eine Tätigkeit zu finden, die man leidenschaftlich begeistert ausübt und alles andere ergibt sich von alleine. Das mag für die Mozarts, Curies, Einsteins und noch ein paar andere Ausnahmebegabte dieser Welt stimmen. Für sie ist seit eh und je, manchmal auch erst später, aber jedenfalls irgendwann klar, was sie zu tun haben. Aber die anderen?

Sinnfindung für Nicht-Genies

Da gibt es jene, die sich zwischen ihren vielen Begabungen nicht entscheiden können und ihr Leben mit dem „Suchen nach“ oder mit dem „Versuchen, ob“ zubringen und am Ende ohne alles dastehen. Dann jene, die immerhin Leidenschaft für ihre Tätigkeit empfinden, aber nicht davon leben können. Und jene, die Erfolg haben, gut verdienen, deren Tätigkeit sie aber anödet. Oder auch die, die sich einem Sinn aufopfern und vor lauter Erfüllung zu sonst nichts kommen. Und dann noch jene, für die es nirgends passt. Sie alle tun sich mit dem obigen Prozess schwer.

Ein Entwicklungsansatz zur Sinnfindung

Nicht-Ausnahmebegabte treffen im oben dargestellte Prozess auf zwei Probleme: Ihre unterschiedlichen Voraussetzungen werden nicht berücksichtigt, sodass die meisten erst gar nicht in den Prozess einsteigen (können); und sie sehen kaum Möglichkeiten, aus ihren Erfahrungen und ihrem (Ver-) Suchen zu lernen, um iterativ, auf ihre persönliche Weise, ans Ziel zu kommen.

Suche nicht nach dem Sinn des Lebens, gib ihm einen.

Diese Aufforderung, Charlie Chaplin zugeschrieben, leitet über zu dem in der Grafik gezeigten, ringartig geschlossenen Entwicklungsansatz. Er löst die oben genannten Probleme und ein paar andere auch.

Sinnfindung oder SinngebungBild zum Vergrößern anklicken!

Die Stationen von Sinnfindung zu Sinngebung

…sind durch wichtige Aktivitäten miteinander verbunden:

  1. Aus- und Weiterbildung: Irgendeine Ausbildung hat jeder Mensch hinter sich, selbst wenn es „nur“ das Leben als solches ist. Rückblickend hat jede Ausbildung mit Talenten und Begabungen des betreffenden Menschen zu tun. Oft geraten die in Vergessenheit, weil „Vorbilder“ andere Eindrücke hinterlassen haben. Aber irgendwann drängen sie heraus, sind motiviert, suchen nach Be(s)tätigung. Fast alle Menschen beherrschen etwas davon sogar richtig gut. Selbst Menschen, die mit ihrer Ausbildung nicht zufrieden sind, sollten darüber nachdenken, was sie davon wie verwenden können und vor allem, was allgemein, abseits der Trampelpfade, flexibel einsetzbar sein könnte. Und die im Laufe der Zeit aufgesogene Weiterbildung wird am besten gleich mituntersucht. Was davon ist brauchbar, was war… Käse?
  2. Das öffnet eine Schatzkiste voll der Überraschungen, Zufallsfunde und Enttäuschungen. Was da alles drin ist und man hat’s noch nie gebraucht! Aber hier – die Beißzange, die kommt immer wieder zum Einsatz, eigentlich komisch. Ebenso das Stethoskop – wo wurde das nicht schon angesetzt und hat Unerhörtes hörbar gemacht, erstaunlich. Und so weiter. Vor allem in unterschiedlicher Gestalt wiederkehrende Fähigkeiten und Fertigkeiten sind interessant und ganz besonders solche, die Spaß machen. Was davon trägt zur Gesamtkompetenz so bei, dass Selbstgestaltung denkbar wird? Inwiefern ergeben sich daraus Beiträge zu Sinn und Zweck unserer Tätigkeiten – oder könnten es tun?
  3. Mit diesen Erkenntnissen und Erfahrungen ausgestattet lohnt sich das Nachdenken darüber, was sich mit all den Fundstücken Nützliches anfangen lässt. Welcher Nutzen (Problemlösungen, Vorteile, Befriedigung von Bedürfnissen) lässt sich mit dem vorhandenen Repertoire erzielen, unter welchen Bedingungen, für wen? Welche Organisationsformen sind geeignet? Und was lässt sich dabei an Geld, aber auch an persönlichen Vorteilen, Lust und Befriedigung lukrieren? Nach vielen Fehlschüssen geht dann doch einmal ein Treffer ins Schwarze – ein Nutzenangebot, das fremde wie eigene Bedürfnisse befriedigt. Je nach der hier getroffenen (Vor-) Entscheidung über die bestgeeignete Organisationsform heißt es jetzt entweder Stellensuche oder Einstieg in die Betriebsgründung.
  4. Beides dauert meistens länger als man zunächst annimmt. Kombinationen mit früheren Tätigkeiten sind daher für eine Übergangszeit echte Zusatzoptionen. Jetzt kommt die Nagelprobe: an die Arbeit! Endlich. Haben die getroffenen Annahmen und Entscheidungen gestimmt? Bringt die Arbeit die erwarteten Ergebnisse – für die Käufer und ebenso für die an der Produktion des Nutzen Arbeitenden? Einige anwendbare Kriterien sind in der Grafik angeführt.
  5. Nach einiger Zeit und immer wieder sollte man sich fragen, wie es mit dem Gesamtresultat der geleisteten Arbeit steht – für die Kunden ebenso wie für die Arbeitenden: Kundeninteresse und -zufriedenheit zeigen sich in den Zuflüssen sowohl an der materiellen wie an der emotionalen Basis. Vielleicht ergeben sich daraus nützliche Nebenaktivitäten? Auf emotionaler Ebene: Kompetenz steigert den Selbstwert; intensives Engagement erzeugt Glücksgefühl; hingebungsvolle Selbstverpflichtung sorgt für Wohlbefinden – wie gut ist das hier erfüllt? Gibt es neben dem Berufs- auch ein Freizeitleben? Insgesamt: kommt aus der Tätigkeit mittelfristig zumindest die Energie zurück, die für all die Aktivitäten aufgewandt wurde und generiert dieses Szenario soviel Sinn wie beabsichtigt? Nur dann ist die eigene Existenz nachhaltig gesichert.
  6. Schließlich die Frage, die den Kreis schließt und persönliche, berufliche, und geschäftliche Weiterentwicklung einleitet: was brauche ich noch? Weiterbildung kann fachlich sein, Randgebiete der Berufstätigkeit betreffen, aber ebenso auch Selbstmanagement – was immer. Damit landet man mit neuen Informationen am Start zur nächsten Runde. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ [1].

Die Vorteile des Entwicklungsprozesses

…liegen auf der Hand:

  • Der Einstieg ist an jeder beliebigen Stelle möglich. Die aktuelle Situation (z.B. Berufstätigkeit mit allem Pro und Contra) ist immer der beste Startpunkt.
  • Jede Station und jede Runde sind neue Gelegenheiten, sich immer besser kennzulernen – es wird geradezu zur Gewohnheit.
  • Die verborgenen Assets buchstäblich jeder Berufstätigkeit kommen ebenso heraus wie Fallgruben und andere Überraschungen.
  • Führungskräfte können diesen Ansatz für sich wie für Ihre MitarbeiterInnen anwenden: immer öfter wird heute von Ihnen Sinnstiftung erwartet.
  • Und es hört nie auf: jeder Mensch wächst mit seinem Beruf und der Beruf mit jedem Menschen. Aus zufälliger Sinnfindung wird zunehmend bewusste Sinngebung. So habe ich mir sinnvolles, erfülltes Berufsleben eigentlich immer vorgestellt.

„Kreatives Leben gebiert sich selbst“ [2]

Mein Angebot von Berufsorientierung (1.-3.) über Bewerbungscoaching bzw. Business-Coaching für Selbständige (3.-5.) bis zum Übergangscoaching (5.-6.) deckt den gezeigten Ablauf vollständig ab. Es ist im Zuge zahlreicher einzelner Beratungsaufträge entstanden und gleichzeitig habe ich mein eigenes Nutzenangebot mit diesem Prozess entwickelt und entwickle es damit laufend weiter. Ein Beispiel geglückter Autopoiese – für mich der Inbegriff systemischer Arbeit. Ich leiste gerne Geburtshilfe.
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Literatur:
[1] GOETHE, J.W. v.: Faust II, V. Akt.
[2] SLOTERDIJK, Peter: Zeilen und Tage: Notizen 2008-2011. Suhrkamp, 2012

Verwandte Themen
Berufsorientierung, Bewerbungscoaching, Übergangscoaching

Bild:  Creative Commons Lizenzvertrag  ‚Sinnfindung_Sinngebung‘ von Dr. Leopold FALTIN ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 Internationale Lizenz.

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