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Science-Industry-Talk 2016: New Science. New Business.

…oder : Wissenschaft und Geld*)

Wozu Wissenschaft?

IST AustriaIST-Austria lädt am 4.10.2016 dazu ein, neue Wege zur Übertragung wissenschaftlicher Ergebnisse auf Anwendungen – vor allem im Rahmen des IST-Campus – zu diskutieren. Wie also Spin-Offs entwickelt werden können, wie mit der Industrie kooperiert werden kann und wie man ein innovatives Ecosystem aufbauen kann, in dem Wissenschaft und Industrie synergetisch kooperieren. Hier meine sehr subjektive Auswahl der zahlreichen Beiträge der DiskussionspartnerInnen, sinngemäß wiedergegeben:

  • im EU-Raum wird zu wenig in künstliche Intelligenz investiert; die Folge davon ist, dass in Europa kein Gegengewicht zu den Internet-Riesen Google, Facebook, Apple und anderen in Sicht ist
  • EU-Firmen entwickeln, produzieren und verkaufen nach wie vor Hardware, vielfach sogar mit „Gratis-Software“; außereuropäische Firmen dagegen sind mit Gesamtlösungen und Lösungssystemen im Geschäft, die tatsächlich bis zum einzelnen Endverbraucher reichen
  • das, was im EU-Raum unter Informatik verstanden wird, ist kein Ersatz für das, was allgemein unter Computer-Wissenschaft verstanden wird
  • Software-Code-Entwicklung und Programmieren hat im EU-Raum einen noch geringeren Stellenwert als die anwendungsorientierten Ingenieurwissenschaften; der Nimbus der „Wissenschaft“ wird durch die sogen. „reine Wissenschaft“ bestimmt

Computer Science

  • US-Firmen heuern jährlich hunderte junge StudentInnen (nicht nur AbsolventInnen) direkt von rumänischen und bulgarischen Universitäten weg, sichern ihnen vertraglich die Finanzierung ihres (Postgraduate-) Studiums in nächster Umgebung der Firmenstandorte zu und verpflichten sie gleichzeitig zur verhältnismäßig großzügig entlohnten Arbeit in ihren Unternehmen
  • WissenschaftlerInnen im EU-Raum bekennen weit überwiegend höchstes Interesse an Grundlagenforschung, wobei immer wieder ihre Motivation erwähnt wird, nützliche Beiträge nicht nur für die Wissenschaft, sondern „für die Gesellschaft und die Menschheit“ zu erbringen und dazu auch gemeinsame Anstrengungen mit der Industrie zu unternehmen
  • Stipendien öffentlicher und privater Geldgeber, EU-Förderungen und insbes. die begehrten, wirklich schwer erreichbaren ERC-Grants zu ergattern sind starke Motive für erstklassige wissenschaftliche Arbeit, nicht zuletzt, weil sie die Möglichkeit eröffnen, sich längerfristig in interessante Forschungsthemen zu vertiefen
  • anderseits äußern die für den soeben auf dem IST-Campus entstehenden Technologiepark vorgesehenen ersten Mieter Ihre Hoffnung, vom Kontakt zur Wissenschaft im Rahmen dieses gemeinsamen Standortes profitieren zu können

Wozu Geld?

Den roten Faden durch diese Beiträge erkenne ich paradoxerweise in dem, was fehlt:

  • in keinem einzigen Beitrag des Abends wird auch nur andeutungsweise erwähnt, dass WissenschaftlerInnen im rein materiellen Sinn mit Ihrer Arbeit „Geld machen“ wollen
  • selbst die anwesenden UnternehmerInnen und UnternehmensvertreterInnen verschweigen diese Absicht so perfekt, dass ich zur Befürchtung neige, sie haben sie wirklich nicht
  • einmal fällt in einem Nebensatz die humorvoll-entschuldigende Aussage, mit der geleisteten Arbeit „nicht unbedingt reich werden“ zu wollen, es aber möglichst doch zu schaffen, für die Fortsetzung der Forschungstätigkeit genügend Mittel aufzutreiben
  • weder die anwesenden WissenschaftlerInnen, noch die IST-Austria-AbsolventInnen lassen eine Mission erkennen, die sie vorantreibt, ihrer wissenschaftlichen Arbeit persönlich zum wirtschaftlichen Durchbruch zu verhelfen, sich also selbst unternehmerisch zu betätigen, oder initiativ zu werden, jemanden zu finden, mit dem sie das gemeinsam tun könnten; auch die übrigen Anwesenden berichten zumindest nicht davon, dass ihnen auch nur ein einziger Fall dieser Art persönlich begegnet wäre

(New Science. New Business.) ≠ (Wissenschaft & Geld)

Ich halte die letzgenannten Wahrnehmungen für klare Hinweise auf die eigentlichen Ursachen des fortgesetzten wirtschaftlichen (ganz sicher nicht inhaltlichen!) Nachhinkens des europäischen Wissenschaftsbetriebes gegenüber insbes. dem US-amerikanischen.

So sehr ich es gut und richtig finde, im Gegensatz zu den USA Wissenschaft nicht großteils via Rüstung zu finanzieren: dieses Problem stellt sich im EU-Raum vorerst gar nicht. Wir leiden in Europa vielmehr daran, dass es nicht „cool“ und daher schon fürs persönliche Image nicht erstrebenswert scheint, mit hochqualifizierter Wissenschaft und Technik wirtschaftlich-unternehmerisch gestaltend tätig zu sein, viel Geld zu verdienen und auf diesem Weg reich zu werden.

In Europa ist Wissenschaft hehrer Selbstzweck und daher reicht hierzulande schon ein ERC-Grant zum persönlichen wissenschaftlichen Karriereglück. Leider.
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*) Gebrauchsinformation: Dieser Beitrag ist nach nicht-wissenschaftlichen Grundsätzen erstellt und kann daher unzulässige Vermutungen und Verallgemeinerungen enthalten. Sollten Sie sich von den Inhalten nicht betroffen fühlen, dann tun Sie das auch weiterhin und lesen Sie bitte trotzdem weiter. Man weiß im Voraus nie, wozu es gut ist.

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Bildnachweis: unsplash

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