Fallbeispiele

Im Konflikt auf sich selbst achten

Konflikte austragenKonflikte austragen

Der Infrastruktur-Leiter (ca. 80 MA) eines großen Industriebetriebes scheut in Konfliktsituationen mit Einzelpersonen, insbes. MitarbeiterInnen, immer wieder davor zurück, seine Sichtweise unmissverständlich darzustellen, sie konsequent zu argumentieren und seine Interessen sowie jene des Unternehmens wirkungsvoll durchzusetzen. Das liegt nicht daran, dass er die notwendigen Fähigkeiten nicht besitzt. Selbst in schwierigen geschäftlichen Verhandlungen gelingen ihm vergleichbare Schritte immer wieder sehr erfolgreich. In persönlichen Auseinandersetzungen mit Einzelpersonen verlaufen die Gespräche aber meist eher hitzig, sehr unbefriedigend bis überhaupt ergebnislos, und er bleibt unzufrieden und innerlich oft tagelang sehr unruhig zurück.

Nach der Zielformulierung, in der er sich im Wesentlichen eine „emotionsarme Austragung seiner Konflikte auf sachlicher Basis“ wünscht, beginnen wir zunächst mit dem Einstieg in eine konkrete Konfliktsituation der jüngsten Vergangenheit. Bei deren Schilderung und Reflexion fallen ihm so viele Gemeinsamkeiten mit anderen Konfliktsituationen auf, dass wir von konkreten Fällen abstrahieren und das Thema in einer ganz allgemeinen symbolischen Aufstellung im Raum behandeln können (s. Skizze).

Konflikt-Aufstellung

Der Kunde stellt zunächst sich selbst (K) und sein Gegenüber (X) auf, dazu die jeweiligen Interessen (IK) und (IX). Nach kurzem Einfühlen in die Situation kommt sein Persönlichkeitsanteil eines Einfühlsamen (E) dazu. (K) sieht nun nicht mehr sein Gegenüber (X), sondern nur seinen Einfühlsamen (E), der den Schmerz des (X) sehr stark spürt. (K) findet, dass es hier gar nicht um die andere Person (X) und auch nicht um Sachthemen, insbes. nicht um die jeweiligen Interessen geht, sondern nur um die Vermeidung des von (E) vermittelten Leides von (X). (E), ein Teil von (K), identifiziert sich also mit dem Leid von (X) und (K) spürt in der Situation nicht sich selbst, sondern via (E) das fremde Leid. Hier fällt dem Kunden ein, dass ihm andere bereits öfter gesagt hätten, er versuche oft Konflikte Dritter zu schlichten…

symbolische Aufstellung Konflikt

Im Konflikt auf sich selbst achten

In einem kleinen Ritual (das ich Ernst Robert Langlotz verdanke) wird der Einfühlsame (E) von seiner Identifikation mit dem Leid des (X) befreit und findet jetzt eine neue Position (E), in der er sich zwar nach wie vor in das Gegenüber (X) einfühlen kann, sich aber erstmals auch achtsam in die Gefühle von (K) selbst hinein versetzt. Wir überlegen, inwieweit sich die Situation bisher verändert hat und (K) spricht jetzt den Satz aus: „Der Einfühlsame hat auch die Aufgabe, auf mich zu schauen!“ Kurz danach wird daraus der Satz „Ich darf auf mich schauen!“, der eine geradezu elektrisierende Wirkung auf (K) hat. Erstmals gelingt es (K) nun, bei aller Einfühlsamkeit für (X) auch seine eigenen Gefühle zu spüren und zu würdigen. Auch die beiden Interessen (IK) und (IX) wandern jetzt in die Gesichtsfelder beider Konfliktpartner. (K) und (X) selbst behalten ihre Positionen bei. (K) merkt nun plötzlich, wie sehr ihn die Identifikation mit dem Leid von (X) beschäftigt und bei der Konfliktaustragung behindert hat; es war ihm kaum möglich, seine eigenen Interessen und Gefühle und jene des Gegenübers auseinanderzuhalten und getrennt einzuschätzen.

Konflikt – was nun?

Die Frage des Kunden, was das nun konkret für sein Verhalten in Konflikten bedeute, insbes. was er in einer konkreten Konfliktsituation sagen oder tun solle, bleibt offen. Die Abstraktion der Aufstellung lässt keine allgemeingültigen Hinweise zu. Das empfindet der Kunde verständlicherweise als unbefriedigend.

Mit der Aufgabe, sein eigenes Verhalten und das seines Gegenübers bei den nächsten auftretenden Konflikten achtsam zu verfolgen und einfach abzuwarten, was ihm in der jeweiligen Situation an (verbalen oder sonstigen) Reaktionen einfällt, geht der Kunde nach Hause.

Konflikte ganz wirklich

Drei Wochen danach berichtet er von zwischenzeitlich erzielten Ergebnissen. Er hat erlebt, dass Konflikte offenbar emotional und sachlich ausgetragen werden müssen:

  • Ein Konfliktfall um ein relativ einfaches, konkretes Sachthema hat sich in kürzester Zeit auflösen lassen, ohne dass er genau herausbekommen hätte, was das Gegenüber zum Einlenken bewegt hat.
  • In einem zweiten Fall, dem bereits mehrere erfolglose, immer heftiger werdende Auseinandersetzungen vorangegangen waren, hat die streitbare Mitarbeiterin nach einigem Hin und Her die vom Kunden vertretenen Interessen ausdrücklich als „ebenfalls berechtigt“ anerkannt und sich nach weiteren zwei Tagen sogar aus eigenem Antrieb beim Kunden für ihre bisherige Hartnäckigkeit entschuldigt.
  • Ein dritter, neuer Fall hat zu einer ersten Auseinandersetzung geführt, ist aber noch nicht abgeschlossen, weil sich das Gegenüber Bedenkzeit erbeten hat. Im Gegensatz zu früher beschäftigt bzw. belastet den Kunden aber der vorerst unerledigte Konflikt seither überhaupt nicht, während er davor unter solchen Situationen sehr gelitten hat (innerer Dialog, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen).

Anmerkung

Alle in der obigen Beschreibung angeführten interpretativen Äußerungen stammen vom Kunden, ebenso die in der Aufstellung durchgeführten Veränderungen. Systemischer Methodik folgend bemühe ich mich bewusst, meine eigenen Beobachtungen nicht zu interpretieren, sondern sie als Anstoß zu Fragen an meine Kunden zu nehmen, um diese dadurch zu weiterer Reflexion einzuladen. Sie als interessierte LeserInnen lade ich ein, neben der Beschreibung insbes. die Skizze zu betrachten und reflektierend Ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Es gäbe noch viel dazu zu sagen…

Gesamt-Aufwand: Business-Coaching inkl. anteiliger Vor- und Nacharbeit ca. 4,5h (Aufstellung alleine ca. 2,5h).
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Bildnachweise:
Foto: von Hidde Rensink, unsplash
Grafik: Creative Commons Lizenzvertrag  ’systemische Aufstellung Konflikt‘ von Dr. Leopold FALTIN ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 Internationale Lizenz.

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